Runkeln im Dunkeln

Meinem Bruder gefiel es nicht selten mich richtig zu erschrecken. Einmal, es war wenige Tage nach Allerseelen, verbarrikadierte er sich nach dem Mittagessen im Keller und wollte unter keinen Umständen gestört werden.  Tage zuvor hatte er bei einem Bauern geholfen Runkeln zu ziehen, hatte sich etwas Geld verdient und auch eine dieser Riesenfeldfrüchte mit nach Hause gebracht. Seither er tat sehr geheimnisvoll, machte immer wieder komische Andeutungen, die ich nicht verstand  und meinte wohl, er könnte mich so neugierig machen, was ja auch der Fall war, was ich aber nicht zugeben konnte. Zu gerne hätte ich doch gewusst, was sich da hinter der Kellertür abspielte, allerdings schwante mir nichts Gutes, denn wenn er sich dermaßen auffällig um meine Aufmerksamkeit bemühte, tat ich gut daran ihm aus dem Weg zu gehen.

Am frühen Abend endlich tauchte er plötzlich in der Küche auf. Jetzt könne er mir etwas Feines zeigen, meinte er ganz beiläufig, ob ich es sehen wolle, wenn nicht, auch egal. Ich warf alle Bedenken über Bord und ja, natürlich wollte ich und marschierte in froher Erwartung hinter ihm her. Im Keller war es dunkel und mir wurde ganz mulmig. Mein Bruder schob mich in unsere rabenschwarze Kohlenecke und augenblicklich stand ich wie vom Blitz gerührt. Eine hässliche Fratze glühte mir aus dem Dunkel entgegen, mein Bruder lachte lautstark, ich aber, in meiner Angst, schrie und trat nach ihm und gottlob kam meine Mutter die Treppe heruntergerannt.

Sie drehte das Licht an, und ich erkannte eine Runkel, die mein Bruder ausgehöhlt hatte, um ihr dann  ein entsetzliches Gesicht zu verpassen hatte und sie mit einer Kerze zu beleuchten. Ich konnte mich gar nicht beruhigen und auch nachdem ich das Ungeheuer erkannt hatte, wurde meine Angst nicht kleiner. Meine Mutter nahm der Runkel die Kappe ab, pustete wütend die Kerze aus und sagte: „Seht zu, dass ihr an den Tisch kommt,  jetzt ist Feierabend mit dem Unfug.“

Mir war der Appetit vergangen und ich hatte so ganz und gar keine Lust mit meinem Bruder am Küchentisch zu sitzen. Mit blieb aber nichts anderes übrig, und so schielte ich ihn grimmig an, worauf er die Mundwinkel nur spöttisch verzog und selbstzufrieden vor sich hinguckte.

Lange konnte ich an dem Abend nicht einschlafen. Ich musste an den Räuber aus dem Märchen Die Bremer Stadtmusikanten denken, den der Hauptmann vorgeschickt hatte, um zu prüfen, ob die Luft im Räuberhaus wieder rein sei. Der hatte dummerweise die feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen gehalten, hatte ein Streichholz daran gehalten, woraufhin er von der Katze übel zugerichtet worden war und schreiend weglief. Mir hatte dieser arme Tropf schon immer leidgetan, weil er die Gefahr im Dunkeln nicht einschätzen konnte, aber jetzt, nach diesem üblen Bruderstreich, waren wir für immer und ewig wahrhaftige Leidensgenossen.