An Heiligabend zog immer eine leiser, heimlicher Zauber durch unser Haus. Am frühen Morgen holte mein Vater Holz und Kohlen aus dem Keller und zündete den Ofen in der Wohnstube an. Langsam verbreitete sich die Wärme im Raum und mein Vater machte sich daran, den Tannenbaum einzustielen. Stand der Baum sicher in einer Ecke, prüfte er noch einmal den Ofen, zog dann die Stubentür hinter sich zu und niemand, außer meiner Mutter, durfte noch einmal hineingehen. Währenddessen war sie in der Küche mit dem Essen beschäftigt, meine Brüder werkelten auch irgendwo herum, und ich lief dann und wann nach draußen, in der Hoffnung mit einem der Nachbarskinder spielen zu können, aber die Straße war wie leergefegt. Ich nahm es gleichmütig hin; so war es immer an Heiligabend: Alle waren zu Hause still beschäftigt in froher Erwartung auf das Christkind.
Nach dem Mittagessen gingen mein Vater und ich in den Garten, fütterten die Vögel und setzten uns anschließend, weil es mir so viel Freude bereitete, ans Küchenfenster, um das Treiben im Vogelhäuschen zu beobachten. Lange konnte ich dann aber doch nicht stillsitzen und mein Vater überlegte dann meistens noch einen kleinen Spaziergang zu machen, aber ohne meine Mutter, die musste zu Hause bleiben. Am späten Nachmittag packte mich dann meistens doch eine leichte Ungeduld, aber mein Vater meinte dann immer, lange könne es jetzt nicht mehr dauern.
Und endlich, es war schon dunkel geworden, ertönte ein feines Glöckchen und die Wohnstubentür wurde von meiner Mutter geöffnet und wir wurden von einer wohligen Wärme empfangen. Die Kerzen brannten am Weihnachtsbaum, auf dem Tisch standen die bunten Weihnachtsteller mit allerhand Köstlichkeiten und vor dem Baum lagen die Geschenke. Und bevor wir auch nur irgendetwas angerührt hatten, stimmte meine Mutter ein Weihnachtslied an.
Diese glückseligen Erinnerungen an geheimnisvoll verschlossene Türen, an Tannenduft und Kerzenschein, an Beschenken und Beschenktwerden hatten meine Eltern an uns Kinder weitergegeben, und ich würde sie später an meine Kinder weitergeben und sie an ihre – und vielleicht immer so weiter.

